Shopping und Fucking

Shopping und Fucking

von Mark Ravenhill |
Regie: Edith Koerber

»Shopping und Fucking« ist ein Stück, das viel tiefer dringt, als daß es sein plakativer Titel vermuten ließe. Es zeigt junge Menschen, die verzweifelt darum kämpfen nicht unterzugehen in der materiellen und geistigen Wegwerfgesellschaft des ausgehenden 20. Jahrhunderts.

Das Personal: Vier junge Menschen und ihre Sehnsucht nach der »großen Geschichte«, nach dem Gemeinschaftsgefühl und dem stabilen seelischen Fundament der eigenen Persönlichkeit. Um diesen unstillbaren Hunger nach dem Sinn des Lebens zu befriedigen, ist jedes Mittel recht: Fastfood, Ecstasy, Melodramatik, Brutalo-Sex, Heroin und Koffer voller Geld – alles tausendfach erprobte und leider auch höchst untaugliche Mittel um dem täglichen Stumpfsinn zu entkommen. Dazu ein väterlicher Geschäftsmann, der virtuos mit Drogen und Disney-Devotionalien zu jonglieren versteht und den Sinn seines Lebens darin sieht, aus seinem Sohn einen genialen Musiker zu machen.

Kraftvoll, rüde, grotesk, kurios und tragisch geht es zu in dem taufrischen Erstlingswerk des jungen englischen Dramatikers Mark Ravenhill. Witzig und lakonisch fängt er das Lebensgefühl der 90er ein und spiegelt »unsere rastlose, obszöne neue Welt der Spielhöllen, des manischen Konsums, der Drogen, Ex-und-hopp-Affären und Persönlichkeitsstörungen – ebenso wie die darunter verborgene Sehnsucht nach Zuneigung.« (The Times).

Premiere am Freitag, dem 27. März 1998.
Die Aufführungsrechte liegen bei der Rowohlt Theaterverlag GbmH, Reinbek.

Kritiken

Stuttgarter Nachrichten | 31.5.1998

Geschichten, die stimmen

»Die erste Regel beim Dealen lautet: ›Er, der da verkauft, soll es selber nicht nehmen.‹ Dies ist ein Kernsatz aus dem Stück ›Shopping and Fucking‹. Es spielt unter Leuten, die abhängig sind vom ›es‹, von der Sache, mit der sie dealen. Vor allem sind sie von der Liebe abhängig…

Eine Geschichte aus grausigen Schlagzeilen. In England wurde ›Shopping and Fucking‹ zum Erfolg, ›Theater heute‹ hat es nachgedruckt, und das ist immer ein Signal, daß viele deutsche Theater es bald spielen werden. Die Stuttgarter tri-bühne ist das zweite Haus, das ›Shopping and Fucking‹ in Deutschland auf die Bühne bringt…

Ravenhill tut alles, um Aufsehen zu erregen über Theaterkreise hinaus… Er läßt den klugen Junkie Mark (sehenswert: Robert Atzlinger) zum Mörder am Stricher Gary (Jammer und Härte im Augenblickswechsel; eine Entdeckung, ideal besetzt: Marcus Michalski) werden und in die Junkiehölle zurückfallen. Und doch, zwischen diesen Donnerschlägen und Effekten werden Geschichten erzählt, die stimmen. Sie hat Regisseurin Edith Koerber aus dem Lärm herausgehört und mit einem starken Ensemble neu erzählt. Denn das wollen Mark, Lulu, Robbie und Gary eigentlich, nach dem Sex und nach den Schlägen: Zuhören, wie ihre eigenen Geschichten erzählt werden.«

Peter Kümmel
Trott-War | 1.5.1998

Stark erzählt

»›Es ist nicht richtig, es ist nicht falsch, es ist ein Deal.‹ Das ist eine der Regeln, um im Geschäft mit der käuflichen Liebe zu überleben. Wer die nicht beachtet, wird bestraft. Ravenhill erzählt eine berückende Geschichte von Menschen, die in ihrer Sehnsucht nach Geborgenheit, Anerkennung und Liebe diese kalten Regeln immer wieder überschreiten und daran scheitern.

Edith Koerber inszeniert die Verstrickungen als schnelle Achterbahnfahrt zwischen Tragik und Komik. Geradezu hinreißend witzig ist die Telefonsex-Szene, beklemmend die Szenen von Gewalt und Erniedrigung. Ravenhill schreckt nicht davor zurück, die Vergewaltigung eines Mannes und SM-Mord auf die Bühne zu bringen.

Die Frage von Schuld und Sühne wird mit kalter Logik vom Pornoproduzenten beantwortet. Wer ohne Schulden ist, ist ohne Schuld.

Die Geschichte ist stark erzählt und hervorragend umgesetzt.«

Sylvia Rizvi
PRINZ | 1.5.1998

Für die 90er

»Ein Stück aus den 90ern für die 90er: Das packende Spiel läßt fast vergessen, daß alles nur Theater ist.«

Claudia Gass
Esslinger Zeitung | 1.4.1998

Ein Höchstmaß an Einfühlungsvermögen

»14 harte, knappe Szenen, eine provozierende Sprache und fünf Schauspieler, denen ein Höchstmaß an Einfühlungsvermögen abverlangt wird. In der Stuttgarter tri-bühne, wo sich Edith Koerber mit großer Sensibilität dem Thema genähert hat, behalten moderate Vermittlung und subtile Töne die Oberhand…

Beschaffungskriminalität, Sucht, Prostitution. In dem Stuttgarter tri-bühne-Theater werden Begriffe mit Leben gefüllt, ›Typen‹ zu Menschen; Edith Koerber appelliert an unseren Intellekt, aber auch an unsere Leidenschaft…

Zwei intensive Stunden Theater, fünf starke Schauspieler, und genügend Zeit, sich Geschichten, unser Leben und Lebensgeschichten ein wenig bewußt zu machen.«

Helga Stöhr-Strauch
Stuttgarter Zeitung | 30.3.1998

Allgemeingültig

»Vielleicht sind jetzt welche verärgert. Nicht, weil sie unverhofft einem Bürgerschreck zum Opfer gefallen sind, sonder weil das Stück nicht hält, was der Titel Voyeuren verspricht. Und schon gar nicht in der zurückhaltenden, ins Allgemeingültige zielenden Inszenierung Edith Koerbers.

Doch das ist gut so. Denn das Stück ist allemal intelligenter als die Figuren, die darin auftreten.«

Joachim Auch